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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Der US-amerikanische Producer und DJ, der derzeit mehrere Monate in Wien verbringt, über Labels, Clubs in Las Vegas und die österreichische Clubszene

Wenn man sehr viel reist, beginnt man die Städte auch nach ihren Flughäfen zu beurteilen. Jacques Renault schwärmt zum Beispiel vom Wiener Flughafen und preist ihn als einen der besten der Welt. Vielleicht war das ein Grund für ihn, immer wieder mehrere Wochen in Wien zu verbringen.

Die Zeit zwischen seinen Auftritten beträgt für den Producer und DJ meist nur wenige Tage. Städte, in denen Renault eine Zeit lang gelebt hat, waren Washington, Chicago und New York. Aktuell verbringt er die Tage zwischen den Wochenenden für ein paar Monate in Wien. In einer Runde im Riesenrad erzählte er über seine Labels, Clubs in Las Vegas und die österreichische Clubszene.

Jacques Renault ist ein Optimist unter den Musikern

Jacques Renault ist ein Optimist unter den Musikern

derStandard.at: Wie kamen Sie dazu, als House-DJ Ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

Renault: Ich habe eigentlich Kunst studiert, aber Musik war immer schon wichtig in meinem Leben. Als ich zum Beispiel nicht mehr Geige spielen wollte, sagte mir meine Mutter: “Ok, aber du musst dir dafür ein anderes Instrument aussuchen. Ganz aufhören mit Musik geht nicht.” Das führte dann dazu, dass ich mit Freunden in diversen Bands Jazz, Punk und klassische Musik spielte, es war wirklich alles dabei. Später war es dann elektronische Musik. Die Arbeit ist alleine auch leichter als in der Band, obwohl ich sehr viele Kollaborationen mache.

derStandard.at: Sie treten auf der ganzen Welt auf. Welche Orte sind derzeit für die Weiterentwicklung von elektronischer Musik tonangebend?

Renault: Es sind immer noch die Klassiker wie New York, London, Paris und Berlin. Aber das ändert sich auch langsam. Immer mehr Labels und gute Events entstehen in kleineren Städten und Orten, die ich nicht erwarten würde. Das hat sicher mit dem Internet, Facebook und all diesen tollen Sachen zu tun. Die Szene geht definitiv in eine globale Richtung. In Amsterdam und Stockholm habe ich letztens geniale Clubnächte erlebt, aber auch in Innsbruck.

Hier geht es zum VIDEO-INTERVIEW mit Jacques Renault.

derStandard.at: Was halten sie von den Riesengagen mancher bekannter DJs?

Renault: Das ist ein Phänomen der letzten Jahre. Ich meine, für die Veranstalter ist es herrlich. Da kommt mittlerweile einfach nur mehr ein Typ mit seinen Platten, CDs oder gar nur mehr dem USB-Stick und bespielt tausende Leute. Bei Bands wie den Rolling Stones muss man noch ein Riesen-Setup dazurechnen und die ganze Entourage. Generell ist aber der Hype um die wenigen Clubs mit den wahnsinnig hohen Gagen wie zum Beispiel die in Las Vegas einfach verrückt. Ich habe schon ein paar Mal in Vegas gespielt, zwar nicht in diesen besagten Locations, und mir diese Welt auch angeschaut. Aber das ist einfach nur extrem artifiziell und absurd. Die Leute gehen dort auch nicht wegen der Musik hin, sondern nur wegen der Location.

derStandard.at: Dass Clubbesucher eher einen Club auswählen und nicht nach dem Lineup gehen, ist auch hier gang und gäbe.

Renault: Ja, das habe ich auch schon bemerkt. Hier sagt man dann zum Beispiel, dass man in die Pratersauna oder die Grelle Forelle geht, und nicht “Wir schauen uns heute diesen oder jenen DJ an”. Das ist okay, im Vordergrund sollte aber die Musik stehen.

derStandard.at: Derzeit gibt es in Wien eine Debatte, dass die Bookings immer kommerzieller werden und der Einheitsbrei größer. Wie nehmen Sie das mit der Sicht von außen wahr?

Renault: Ich denke, das hängt davon ab, was man gerne sehen würde. Generell waren die Bookings, die ich gesehen habe, zum Beispiel letzte Woche mit James Murphy oder vor ein paar Wochen Victor Simonelli aus New York, ziemlich interessant. Dann kenne ich natürlich die Sachen von Johnny von der Deephousemafia und Wolfram und Felix (Fuchs, Anm.), die in den letzten Jahren veranstaltet wurden. Ich habe also eigentlich nur gute Sachen wahrgenommen, die ich selbst auch besuchen würde.

derStandard.at: Welche Wiener Künstler aus Ihrem musikalischen Umfeld finden Sie spannend?

Renault: Wolfram ist sicher einer der wichtigsten, ich kenne ihn auch seit Jahren. Er ist viel international unterwegs, und ich treffe ihn hin und wieder in New York. Seit einigen Monaten lebt ja auch Andrew Butler von Hercules and Love Affair in Wien, es tut sich also was, und Wien muss sich mit seiner Clubszene sicher nicht verstecken. (Lisa Stadler, Maria von Usslar, derStandard.at, 13.3.2014)

Hören Sie hier Tracks, Remixes und Mixes von Jacques Renault im Spotify-Stream:

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  • March 21, 2014

Meine High- und Lowlights des Musik-Teils der South By South West. Von rund 2.000 Konzerten konnte ich leider nur ein paar sehen, in so einem Fall wäre Multilokation ideal.

Snoop Dogg spielte ein paar Kiffer-Nummern und lieferte eine bemerkenswert schlechte Bühnenshow mit einem Mensch, der als Hund verkleidet mit einem riesigen Joint herumwachelt. Die Visuals sahen so aus wie die automatischen Bildschirmschoner aus den 90er-Jahren, nur schlimmer. Fast schon eine Leistung heutzutage. Das Publiukum war gut gelaunt, rastete aber erst aus, als er House Of Pains “Jump Around” brachte. Nicholas Cage schaute vom Balkon aus zu. Alles in allem also eher befremdlich.

Snoop DoggTrotzdem: #foshizzle. Vor allem, weil ich einen guten Platz ganz vorne ergattern konnte.

Wer noch nie bei der #SXSW war: In vielen kleinen Häusern finden Konzerte und Partys statt.

HausDas Epizentrum des Geschehens: Die 6th Street, auf der sich die meisten FestivalbesucherInnen tummeln.

6th street

Bildschirmfoto 2014-03-20 um 20.51.57Der von mir über die Maßen geschätzte A-Trak spielte bei der #MobileMovement Night von Vice und Motherboard ein zuerst skrillexeskes und etwas stadiontechnoides Set, das dann gegen Schluss aber immer besser wurde. Die Visuals konnten von den BesucherInnen selbst gesteuert werden, was sehr lässig war.

ATrakVor der British Music Embassy war die Schlange immer so lang, dass ich mir das Warten nie antun wollte.

british music embassyMein Badge für das beste Outfit geht an die drei hier:

bandJarvis Cocker präsentierte sein neues Buch mit einer wunderschönen Powerpoint-Präsentation, Zeigstock und Soundbegleitung.

Bildschirmfoto 2014-03-20 um 20.56.16P. Diddy präsentierte direkt nach Jarvis Cocker sein “besseres MTV” Revolt TV. Der Kontrast hätte größer nicht sein können.

Bildschirmfoto 2014-03-20 um 20.58.26Chromeo sorgten dafür, dass das hölzere Gebälk des Hype Hotel sich langsam auflöste. Holzspäne und Staub rieselten auf das Publikum nieder. Zum Glück nicht gleich das ganze Dach.

Sohn kam leider verspätet an und hatte technische Probleme. Deswegen spielte er nur zwei Nummern: “The Wheel” und “Artifice”. Für mich trotzdem ein absolutes Highlight. Das Album wird groß groß groß.

  Debbie Harry (68!!!!) hat mit Blondie auf der Bühne gewirkt als wäre sie 20.

Damon Albarn ist leider erwachsen geworden und brachte Gospel-artige Songs, am Schluss auch gemeinsam mit dem Kirchenchor von Austin. Naja …

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  • March 20, 2014

Dass der Egderank der natürliche Feind des Social Media Managers ist, ist ja nichts Neues. Anhand eines einfachen Beispiels kann man aber gut sehen, wie sehr Posts zum Teil “gedrosselt” werden und das Publikum oft nicht erreichen.

Fallbeispiel

Heute wurde bei der Facebook-Seite von derStandard.at mit 116.000 (nicht auf ebay gekauften) Fans ein Bild gepostet und bekam 44 Likes.

Bildschirmfoto 2013-12-01 um 22.31.00Zeitgleich wurde das Bild auch beim Instagram-Account von derStandard.at mit  bescheidenen 438 Followern gepostet. Das verursachte 13 Likes (und ich hab es noch nicht mal selbst geliket ;-)!).

Bildschirmfoto 2013-12-01 um 22.30.33Facebook spielt ja schon lange unterschiedliche Posts unterschiedlich oft aus, das heißt die Posts werden nicht immer für gleich viele Menschen im Newsfeed sichtbar, wenn sie sich durch die Timeline scrollen. Das hat ja auch seinen Sinn, so will Facebook garantieren, dass die User nur relevanten Inhalt sehen, der viel Feedback bekommt.

Fazit

Dieses eine (nicht repräsentative) Beispiel zeigt jedoch, wie massiv die Unterschiede sein könnnen. Klar, ein Werbeposting wie dieses bekommt vielleicht nicht tausende Likes, im Vergleich zum Response auf Instagram muss ich aber in dem Fall davon ausgehen, dass auf Facebook das Posting von viel weniger Menschen gesehen wird, als angegeben und potenziell möglich.

Ich bin zwar schlecht in Mathe und ja, es gibt unterschiedliche Publika für unterschiedliche Netzwerke, aber: Facebook spielt sich da auf eine Art mit der Reichweite, da ist Kaffeesudlesen eine Wissenschaft dagegen. Im Übrigen ist die Kombination aus Punschtrinken und STANDARD-Lesen sehr zu empfehlen.

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  • December 1, 2013
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Verschwörungstheorien kosteten mich immer nur höchstens ein müdes Lächeln. Bis zum Wochenende, an dem sich mir folgendes offenbarte:

Auf derStandard.at fand ich ein für Freunde der Sprache recht amüsantes Bild mit einem die Fantasie anregenden Tippsler:

oeamtc

So weit, so erheiternd. DANN aber ereignete sich etwa eine Stunde nach der ÖAMTC-Entdeckung etwas Erschreckendes. Bei der Lektüre einer der Erzählungen von Alice Munro stach mir DAS HIER ins Auge:

Bildschirmfoto 2013-11-04 um 21.38.25An Zufälle kann ich natürlich jetzt nicht mehr glauben. Es ist vielmehr die ergreifende Wahrheit, dass die Nobelpreisträgerin und der ÖAMTC sich bereits auf die Zombie-Apokalypse vorbereiten und Eingeweihte sich mit Schweinwerfern rüsten. So, jetzt wisst ihr es.

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  • November 4, 2013
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Zugegeben, mir war Tschetschenien bis vor einem Dreivierteljahr ziemlich egal. Ok, als Slawistin wusste ich, dass es dort “Probleme” gibt und habe vielleicht den einen oder anderen Artikel, in dem Tschetschenien vorkommt, nicht sofort geskippt. Ein Zufall hat das aber geändert. Und zwar stolperte ich im phil über den Graphic Novel von Igort “Geschichten aus Russland. Der vergessene Krieg im Kaukasus”, kaufte und las ihn.

Bildschirmfoto 2013-10-14 um 18.47.27Dass ich beim Lesen körperliche Übelkeit empfand und den ganzen Tag quasi im Schockzustand verbrachte, hat bis jetzt kein Buch geschafft. Viel wichtiger aber: Ich wollte aufgrund dieses Buchs noch mehr wissen. Und damit es auch anderen so geht, entstand ein Schwerpunkt auf derStandard.at zum Todestag der kremlkritischen Journalistin Anna Politkowskaja. Großen Dank an Igort und seinen Verlag Reprodukt, die uns die Rechte für die Bilder gaben.

Das Ergebnis:

Auszüge aus dem Comic

Interview mit dem Autor

Timeline mit den wichtigsten Ereignissen im Tschetschenienkonflikt

Das Arbeiten mit Animationen, Graphic Novels, Games wird auch für die Aufarbeitung ernster Themen im Jouranlismus immer gefragter. Hier eine richtige Mischung aus Emotionalisierung und seriöser Informationsaufbereitung zu finden ist glaube ich eine der spannendsten Aufgaben derzeit. Und das ist erst der Anfang.

Weitere Tipps:

Guardian-Video zu Guantanamo

Interview zu Newsgames

NYT Stück “Tomato Can Blues”

Aus Österreich: großartige Arbeit von paroli-magazin.at

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  • October 14, 2013

Ein ordentlicher Social Media Manager postet heute ein Katzenfoto. So soll es sein. Letztes Wochenende machte ich dieses Foto von einem Foto eines Aufständischen in Warschau. Sehr empfehlenswert: Das Museum des Warschauer Aufstands dort, Tickets vorher online kaufen, sonst steht man ewig in der Schlange. Schönen Katzentag noch!

Foto

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  • August 8, 2013

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at

Die Organisatoren von “Tanz durch den Tag” und “Kein Sonntag ohne Techno” über Chancen und Hindernisse

Man stelle sich vor, es organisiert jemand ein Event, das kaum beworben wird, und es wird ihm trotzdem die Bude eingerannt. Die wildesten Träume von so manchem Veranstalter werden für Formate wie “Kein Sonntag ohne Techno” und “Tanz durch den Tag” wahr, denn seit ein paar Jahren werden clubähnliche Events im Freien auch in Wien immer beliebter. Was mit ein paar Dutzend Leuten im Wald begann, zieht nun tausende Besucherinnen und Besucher an.

Zurück zur Natur: Rousseau hätte seine Freude

Das Konzept ist recht einfach: Draußen mit Clubmusik im weitesten Sinn spontan feiern, und zwar tagsüber und bei freiem Eintritt. In Berlin finden Events dieser Art schon länger statt, die deutsche Hauptstadt galt auch als Inspiration für hiesige Veranstalter. “Vor ungefähr drei Jahren hatten wir die Idee, ungenützte Räume auch in Wien lebendiger zu machen. Es sollte ein Gegenpart zur Clubkultur sein, es ist einfach schön, sich in der Natur zu bewegen”, erzählt Marissa Türk, die gemeinsam mit Jan Ernst zum Kernteam des Formats “Tanz durch den Tag” gehört. Ganz ähnlich erging es Max Müllner und Benedikt Fleischhacker, die “Kein Sonntag ohne Techno” organisieren: “Unser Grundgedanke war es, den Sonntag im Grünen zu verbringen und die Leute zum Rausgehen zu animieren”, so Müllner.

Die Nacht zum Tag machen

Dass die Events am Tag stattfinden, füllt gleich für mehrere Zielgruppen eine Lücke: Einerseits gibt es für After-Hour-Feieranten hin und wieder auch nach der Sperrstunde um sechs Uhr früh noch woanders einen Ort zum Feiern, andererseits freuen sich viele Berufstätige darüber, dass sie wieder einmal fortgehen können, ohne dass gleich der nächste Tag verloren ist. “Wir schenken bewusst keinen harten Alkohol aus und um 22 Uhr ist bei uns Schluss. So kann man am nächsten Tag fit aufstehen, und das lässt sich wunderbar mit Uni und Arbeit vereinbaren”, meint Fleischhacker. Während “Kein Sonntag ohne Techno” eher studentisches Publikum anzieht, wird bei “Tanz durch den Tag” auch ein spezielles Programm für Kinder geboten. Türk erläutert: “Unsere Events sollen für alle da sein: Familien, junge Eltern, Leute, die auch mal außerhalb des Clubs feiern wollen.” Das findet großen Anklang, mittlerweile veranstalten auch etablierte Clubs wie die Pratersauna Clubevents am Tag.

Müll und Masse: Wo es Probleme gibt

Was vom Konzept her bis auf die Musik wohl so manchen Alt-Hippie freuen würde, trifft in der Realität aber auf Hindernisse. Das bekannteste davon ist wohl die Müllproblematik: So lautete zum Beispiel bei einer Ausgabe von “Tanz durch den Tag” das Motto “Schütz das Wasser”. Das Publikum hat Umweltschutz aber zu einem großen Teil anscheinend recht wenig interessiert: Nach dem Event war die Wiese mit leeren Dosen und sonstigem Müll übersät. “Wir versuchen, die Leute dahingehend etwas zu erziehen, das ist aber natürlich schwer. Wir haben zum Beispiel zum spontanen Müllsammeln aufgerufen, da kam aber kaum jemand”, erzählt Türk ernüchtert.

Nullsummenspiel

Zudem bereiten die immer zahlreicheren Besucherinnen und Besucher, die ihre eigenen Getränke mitbringen und vor Ort kaum etwas konsumieren, den Veranstaltern Sorgen. Da die Bar die einzige Einnahmequelle der Events ist, müsse auch hier das zuvor für Anmeldung, Strom, Müllbeseitigung und Securities investierte Geld wieder reinkommen. “Wir machen das alle als Hobby und es ist wirklich ein Nullsummenspiel, das soll es aber auch bleiben”, behauptet Türk von “Tanz durch den Tag”.

Weil die Partys möglichst spontan stattfinden sollen, wurden auch nicht alle Events angemeldet. Folglich kam es zu Problemen mit der Polizei, und die Veranstalter mussten erhebliche Strafen zahlen. Erst die letzten zwei Events von “Kein Sonntag ohne Techno” wurden bereits vor Veranstaltungsbeginn von der Polizei verhindert und somit abgesagt.

“Erzwungene Professionalisierung”

Das soll aber der Vergangenheit angehören, glaubt man den Veranstaltern. Man habe dazugelernt und verstehe natürlich, dass bestimmte Bedingungen erfüllt werden müssen, heißt es auf beiden Seiten. Gleichzeitig wünsche man sich aber auch einfachere Bedingungen: “Die Auflagen sind einfach sehr hoch, und unsere Partys passen nicht wirklich in eine Schublade. Wir sind kein kommerzieller Großveranstalter im klassischen Sinn”, so “Kein Sonntag ohne Techno”-Organisator Fleischhacker. “Dass wir so schnell wachsen, ist Fluch und Segen gleichzeitig”, meint auch Jan Ernst von “Tanz durch den Tag”. “Mit dieser Größe müssen wir uns zwangsmäßig professionalisieren und werden auch Richtung Kommerzialisierung gedrängt. Dies möchten wir nicht zulassen, deswegen werden wir in Zukunft auf Crowdfunding setzten, um auch in Zukunft ohne Banner feiern zu können.”

Locationsuche

Sowohl “Tanz durch den Tag” als auch “Kein Sonntag ohne Techno” haben zudem Probleme mit der Locationsuche. Während “Tanz durch den Tag” einen permanenten Ort im Grünen sucht, der legal bespielbar ist, wird es bei “Kein Sonntag ohne Techno” noch etwas komplizierter. “Wir wollen jedes Mal einen anderen, besonderen Platz im Freien finden, aber die meisten Grünflächen sind gar nicht oder nur sehr schwer mietbar”, meint Müllner. Bei ihnen gestaltet sich die Suche nach einem Ort zudem noch schwieriger, weil sie sich ausgerechnet den Sonntag, den “Tag der Ruhe” als Veranstaltungszeitpunkt ausgesucht haben. Deswegen muss sichergestellt sein, dass es keine Anrainerprobleme geben kann.

Neue Herausforderung für die Stadt Wien

Beide Veranstalter haben den Eindruck, dass die bürokratischen Hindernisse zu groß sind. Die Fristen für die Event-Anmeldung seien zu lang und die Kosten für den Strom zu hoch, so Ernst: “Wir würden uns wünschen, dass die Stadt langsam versteht, wie sehr wir sie mit unseren Events bereichern. Was Wien mit sehr viel Geld zu konzipieren versucht, machen wir einfach so. Wir wünschen uns von einer Kulturstadt wie Wien hier mehr Unterstützung, indem die Bürokratie vereinfacht wird. Wir brauchen nicht mal Geld, sie sollen uns einfach machen lassen”.

Als Vorbild werden hier einzelne Städte in Deutschland und der Schweiz genannt, wo es seit kurzem einfacher ist, spontane Open-Air-Festivals anzumelden. Auf Nachfrage des Standard.at im Büro der Stadträtin Ulli Sima meinte die Pressesprecherin, dass noch kein Veranstalter an sie herangetreten sei. Im konkreten Fall müsse man sich das anschauen, generell gebe es aber klare Regelungen, und es würden Bewilligungen oft schon innerhalb einer Woche ausgehändigt. (Lisa Stadler, derStandard.at, 4.8.2013)

Lisa Stadler auf Twitter: @lisapetete

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  • August 8, 2013

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Warum das Format Liveticker keineswegs ein journalistischer Verzweiflungsakt ist. Eine Lobpreisung

In der aktuellen Ausgabe der deutsche Wochenzeitung “Zeit” beschwert sich Kilian Trotier darüber, dass Online-Medien seit Monaten den Liveticker als neue Form der Berichterstattung testen würden. Für ihn ist das ein klares Zeichen des Hinterherhechelns, ein verzweifeltes Aufholenwollen und Kopieren der sozialen Medien.

“Wie nirgends sonst wird in ihm (dem Liveticker, Anm.) die Zerrissenheit des modernen Journalismus deutlich: Er muss die Angebotsformen für sein Publikum maximal diversifizieren und den Geschwindigkeitsrausch der neuen Taktgeber mitmachen, bis es nicht mehr schneller geht. Er muss beim Schritthalten mit der Ereignismoderne alle reflexive Distanz einziehen und das aktuelle zum Absoluten machen – auch wenn er weiß, dass er seine einstige Deutungsmacht am allerwenigsten mit Fast-Food-News im Liveticker-Format zurückgewinnen wird”, heißt es bei Trotier.

Der Journalismus und hier insbesondere der Online-Journalismus geht also laut Trotier mehr oder weniger den Bach hinunter, und der Liveticker ist eines der vielen Zeichen dafür. Dabei übersieht er aber eine Qualität dieses Formats, die mehr als geschätzt werden sollte: das kollektive Erleben nämlich.

Neue gemeinschaftliche Räume

Der große Vorteil – und wahrscheinlich sogar der wichtigste -, den der Liveticker den LeserInnen nämlich bieten kann, ist das gemeinsame Mitverfolgen und Erleben von Nachrichten. Ja, wir wollen zwar alle so schnell wie möglich von relevanten Ereignissen erfahren, aber das sollte sowieso eine Basisleistung von Online-Medien sein.

Viel spannender ist zu sehen, was andere darüber denken, oder auch einfach nur zu sehen, dass man bei der Informationskonsumation nicht alleine ist. Fußball, “Tatort”, aber auch das Hochwasser sind Dinge, die bewegen. Gerade deswegen tauschen sich die User auf Twitter und Facebook darüber aus und schaffen so virtuelle Beisln, Stammtische, an denen gelacht, gestritten und diskutiert wird.

Die LeserInnen schätzen das Format Liveticker deshalb so sehr (der Erfolg lässt sich leicht an Zugriffszahlen und tausenden Kommentaren messen), weil der individualisierte Medienkonsum, der auch aus individualisierten Lebensgestaltungen resultiert, kaum mehr kollektive Ereignisse zulässt: Jede(r) sieht die eigene Lieblingsserie dann, wann er oder sie will, und hört die geschätzte Radiosendung im Podcast nach.

Dass gerade bei großen Online-Medien die UserInnen wieder zusammenfinden, ist eigentlich amüsant – war das Zeitunglesen doch immer eine individuelle Angelegenheit, die Abschottung garantierte. Man denke an Familienmitglieder, die sich hinter der Zeitung verschanzen und somit als nicht mehr ansprechbar gelten.

Der Liveticker nimmt niemandem etwas weg

Abgesehen davon, dass der Liveticker zumindest bei derStandard.at bereits ein Kind der 90er Jahre ist, also keineswegs als “neu” einzustufen, unterstellt Trotier dem Format auch, dass es per se die “Deutungsmacht” des Journalismus untergrabe. Das mutet ein wenig eigenartig an – als habe je ein Liveticker eine kritische Analyse oder einen Hintergrundtext zum gleichen Thema verhindert.

Der angebliche Verlust der “Deutungsmacht” findet zudem einfach nicht statt. Geradezu das Gegenteil ist der Fall: Ein Liveticker ist in vielen Teilen Kommentar, Interpretation und Meinung, sowohl auf der Absenderseite als auch auf Userseite. Das Ganze noch dazu live zu betreiben ist noch dazu mutig, da hier keine Chefinstanz die Meinung der live Tickernden kontrollieren kann.

Dass auch dieses Format Grenzen hat, die etwa oe24.at beim Liveticker eines Begräbnisses überschritt, sollte sich von selbst verstehen und wird hier der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt.

Schnelligkeit und kritischer Journalismus

Ja, die UserInnen wollen die Nachrichten so schnell wie möglich lesen, und das ist auch ihr gutes Recht, genauso wie es ihr gutes Recht ist, im Anschluss an Geschehenes Einordnungen, Kommentare oder Reportagen dazu zu lesen. Der Liveticker ist ein Format, das als wertvolle Ergänzung zu kritischem Journalismus gesehen werden sollte – mit dem Vorteil, dass er neue Formen der Gemeinschaft ermöglicht. Und wer jetzt sagt, dass Online-Gemeinschaften schräg sind, der findet es wahrscheinlich auch eigenartig, wenn sich Paare im Internet kennenlernen. Für jene gibt es zum Glück auch noch analoge Beisln. Dort verfolge ich dann den nächsten Fußball-Liveticker bei einem Schnitzel. (Lisa Stadler, derStandard.at, 10.6.2013)

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  • July 25, 2013

Dieser Text erschien ursprünglich auf derStandard.at.

Das Veranstaltungsgesetz macht es Clubbetreibern in der Steiermark schwer – aber nur manchen

Die Betreiber des Parkhouse in Graz, einem Lokal mitten im Stadtpark, dachten nicht, dass es so schnell gehen würde. Dass Martin Aichmayer und Andreas Huber das neue Veranstaltungsgesetz in der Steiermark noch Mühe bereiten würde, hatten sie zwar schon geahnt. Als sie dann jedoch von einem Tag auf den anderen das DJ-Line-up für den gesamten Juli absagen mussten, konnten sie es selbst kaum glauben. Aber genau so kam es letzte Woche.

Bürokratische Hindernisse

Zum Verhängnis wurde dem Parkhouse eine Genehmigung zur Beschallung der Innenräume, die mit dem neuen Gesetz notwendig wurde. Diese fehlt dem Lokal nämlich; angemeldete Konzerte vor dem Gebäude sind hingegen erlaubt. “Wir empfinden das als Schikane. In unzähligen anderen Lokalen in Graz ist die Situation gleich, bei uns wird aber plötzlich genau geschaut. Die bürokratischen Anforderungen für kleine Lokale um diese Genehmigung zu bekommen, sind für uns zu groß”, kritisiert Aichmayer. “Fragt man den Bürgermeister direkt, ob er etwas gegen Musik im Stadtpark hat, verneint er das natürlich. Dann aber passieren solche Aktionen.”

Die Politik will nicht schuld sein

Aufseiten der Politik will an der Parkhouse-Problematik keiner die Schuld tragen. Während sich die Grünen mit Stadträtin Lisa Rücker in einer Aussendung auf die Seite der Veranstalter schlagen, verweist Thomas Rajakovics aus dem Büro von Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) auf FPÖ-Stadtrat Mario Eustacchio. Nagl selbst habe mit dem Veranstaltungsgesetz nichts zu tun.

Eustacchios Pressesprecher Ernst Brandl wiederum hält das Landesgesetz, das derzeit neu begutachtet wird, nicht für praktikabel und will es den Veranstaltern leichter machen, wie er gegenüber derStandard.at sagt. Er sieht aber wie auch der Betreiber des Parkhouse schwierige Zeiten für Events in Stadtparknähe kommen. Der Grund: ein neues Wohnbauprojekt.

Ein beruhigter Stadtpark als Ziel?

Beim Karmeliterplatz direkt beim Grazer Stadtpark entstehen in Kürze 70 “exklusive” Eigentumswohnungen. Das Projekt “Pfauengarten”, vermuten manche GrazerInnen, könnte der Grund dafür sein, dass die Politik den Stadtpark zu einer beruhigten Zone machen will. Neben dem Wirbel um das Parkhouse soll laut Aussendung der Grünen auch ein Verkehrsgarten vom Park in eine Halle verlegt werden. Zudem werde für die Kulturinstitution Forum Stadtpark ein gediegener Kaffeehausbetrieb angedacht.

Die Szene zeigt sich erbost

“Für solche Aktionen hat wirklich keiner in der Grazer Kulturszene Verständnis”, meint DJ Prinz Albert, der selbst auch schon im Parkhouse aufgelegt hat und einer der vielen ist, die sich dieser Tage auf Facebook über die Einschränkungen erbosen. “Plätze wie das Parkhouse braucht Graz einfach. Es ist nicht das erste Mal, dass hier gezielt kleine, eher alternative Lokale angegriffen werden”, sagt der DJ. “Wenn diese restriktive Kulturpolitik so weitergeht, ist vom Flair der Kulturhauptstadt 2003 bald wirklich nichts mehr übrig, und ich kann in DJ-Frühpension gehen, weil ich nirgends mehr auflegen darf.”

Während auf der einen Seite Großprojekte wie das Springfestival, Elevate und das Urban Art Forms Festival den Raum Graz in Sachen elektronischer Musik und Clubkultur bereichern, haben kleinere Lokale immer noch zu kämpfen.

Wie es mit dem Parkhouse weitergeht, ist derzeit unklar. Dass die aktuellen Probleme aber symptomatisch für eine verbotsorientierte Kulturpolitik in Graz seien, darin sind sich in diesem Fall Veranstalter und DJ einig. (Lisa Stadler, derStandard.at, 9.7.2013)

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  • July 25, 2013