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Autorin: Lisa Stadler, erschienen auf KURIER.at am 20.12.2011

Der KURIER hat sich das im Dezember gestartete Musik-Streaming Portal Juke im Vergleich mit Rara und Spotify genauer angesehen.

Derzeit sprießen die `Streaming Services` ja wie Schwammerl aus dem Boden”, bringt es Walter Gröbchen, österreichischer Musikindustrieauskenner und Labelbetreiber, auf den Punkt. Gerade erst probieren die österreichischen Facebook-Nutzer Spotify aus, schon gibt es noch mehr Angebote: Juke, ein deutsches Unternehmen mit mehrheitlicher Beteiligung der Media-Saturn-Unternehmensgruppe, ist noch sehr frisch am Markt, Rara.com ist ein weiteres ähnliches Portal. Zeit für einen Überblick mit einem neugierigen Fokus auf das noch unbekannte Juke.

Bin ich schon drin?

Der Einstieg ist leicht: 14 Tage lang kann Juke gratis getestet werden, danach kostet der Spaß 9,99 Euro im Monat. Dafür werden dem Hörer rund 12 Millionen Songs geboten, die entweder am PC im Browser oder am Handy gestreamt werden können oder aber auch im Offline-Modus aus der privat erstellten Mediathek abgespielt werden können. Im Gegensatz zu Spotify braucht man bei Juke keinen Facebook-Account für die Anmeldung. Juke ist komplett werbefrei. Preislich liegt Juke somit gleichauf mit der Premium-Version von Spotify und Rara, die auch 9,99 Euro pro Monat kosten.

Die Basics: Hausaufgaben erledigt

Was kann Juke nun eigentlich? Die Klassiker wie Suche und Playlists-Erstellen funktionieren einwandfrei, sowohl am Smartphone als auch am PC. Zudem wird zwischen Mobile App und Browser-Version problemlos synchronisiert. Einzig die Puffer-Zeit, bis ein Track abgespielt wird, lässt den Musikhungrigen ungeduldig werden. Was die Benutzungs-Qualität angeht, ist Juke selbsterklärend, auch das Design sieht nett aus. Der Marketingleiter von Juke, Tobias Brinkhorst bestätigt den ersten Eindruck: “Jetzt in der Startphase konzentrieren wir uns auf das Wesentliche. Einfachheit in der Bedienung ist uns sehr wichtig.”

Rara hingegen entpuppt sich hinsichtlich Bedienerfreundlichkeit als herbe Enttäuschung: Das Design ist abschreckend hässlich und die Benutzung wenig intuitiv. Außerdem hat es Rara geschafft, auch sprachlich daneben zu greifen. Beim Sharen auf Facebook sagt einem das Service “Zeige auf Facebook”, oder die User können ihren Launen entsprechend Musik hören, wie etwa mit der Liste “Mir geht’s prima!”.

Empfehlungen von anderen Usern fehlen bei Juke zur Zeit noch, was wohl daran liegt, dass es kurz nach dem Start noch nicht genug Userdaten gibt. Daran wird aber gearbeitet, so Brinkhorst.

Reichen ein paar Millionen Songs?

Auch der Suche nach Interpreten abseits des Mainstream bleibt Rara hinter Spotify und Juke zurück: Will man zum Beispiel Dirty Doering hören, spucken Juke und Spotify 21 Tracks aus, Rara nur zwei. Bei einem Angebot von 13 Millionen Songs stellt sich aber wahrscheinlich nur für wenige das Problem, dass das Angebot zu gering ist.

Wer nicht weiß, was er hören will, kann sich bei den Juke Charts bedienen, die musikalisch im Kronehit-Style daherkommen, oder auch in eines der Mixtapes zu verschiedenen Themen reinhören. Die Liste “Oh du abstruse Weihnacht” macht zumindest neugierig.

Einsames Musikhören

Anders als bei Spotify fällt die Anbindung an soziale Netzwerke noch spartanisch aus. Einzelne Tracks können bei Juke gar nicht gepostet werden, Rara bietet nur die Sharing-Möglichkeit für Facebook an, nicht aber für Twitter. Brinkhorst teilt uns aber mit, auch hier noch aufholen zu wollen: “Wir werden die Sharing-Funktionen auf jeden Fall ausbauen. Dass man bei Juke aber keinen Facebook-Account braucht, ist ein Vorteil.”

Resümee: genug Platz für alle Services?

Während Rara unter ferner Liefen liegt, erfüllt Juke zumindest die Basisanforderungen für den Streaming-Musikgenuss. Mit einem Überangebot an Musikkonsum-Möglichkeiten im Netz hat es das neue Service aber sicher nicht leicht. Einerseits machen sich größere Kollegen wie Spotify bereits breit, Nischenprodukte wie Soundcloud oder die Mix-Streaming-Portale Mixcloud und Play.fm haben sich bei Special Interest Gruppen etabliert.

“Dass gerade so viele Anbieter auf den Musikstreaming-Zug aufspringen, zeigt, dass hier viel Potenzial liegt. Ich sehe das positiv und denke, dass es dann einfach ein paar Portale nebeneinander gibt.” meint Tobias Brinkhorst. Juke ist sicher etwas für Facebook-Abstinenzler und Normalverbraucher an Musik, die auch bereit sind für ihren Konsum Geld auszugeben. Walter Gröbchen wartet mit seinem Label nüchtern auf das Ergebnis vom nächsten Jahr: “Dass die MusikerInnen von monkey dort mal vertreten sind, ist grundsätzlich gut. Im Detail werden wir uns dann die Abrechnungen 2012 anschauen.”

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  • December 20, 2011

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 12.12.2011

Nach den Parlamentswahlen letzte Woche gehen die Wogen in Russland hoch: Angelika Molk, eine Österreicherin, die in Moskau lebt, schilderte dem KURIER ihre Eindrücke von den aktuellen Geschehnissen. Eine Innenansicht.

KURIER: Sie sind am Samstag auch bei der großen Demonstration gewesen, bei der laut Angaben der Behörden 30.000, laut Demonstranten gar 100.000 Menschen waren. Hatten Sie eigentlich Angst, hinzugehen?

Angelika Molk: Ja, natürlich hat man vorher ein ungutes Gefühl, in den Medien wird viel über mögliche Ausschreitungen berichtet, und man weiß auch, dass die russische Polizei mit Demonstranten nicht gerade zimperlich umgeht. Vor der Demo kursierten diverse Gerüchte, unter anderem wurde behauptet, dass eine spezielle tschetschenische Kampfeinheit bereitgestellt sei. Studenten wurden auf der Universität gewarnt, sich nicht auf der Demo blicken zu lassen, in den Schulen wurde am Freitag überraschend ein verpflichtender Test für die Zeit des Meetings angesetzt. Ärzte warnten öffentlich davor, am Samstag zum Meeting (so wird die Demonstration in Russland genannt, Anm. d. Red.) zu gehen, da die Grippegefahr sehr hoch sei, ein Astrologe riet, am Samstag große Menschenmassen zu meiden.

Wie erlebten Sie die Demonstration?

Ich muss aber sagen, dass alles sehr ruhig, sehr friedlich und positiv verlaufen ist, auch die Polizei hat sich korrekt verhalten, obwohl über 50.000 Polizisten anwesend waren, haben sie sich zumeist abseits gehalten. Viele sind dem Aufruf der Organisatoren gefolgt und kamen mit Blumen, Ballons oder weißen Bändern, um zu zeigen, dass sie keine aggressive Konfrontation wollen. Verschiedene Losungen machten die Runde, viele sind mit Plakaten gekommen, auf denen mal ernste, mal weniger ernste Losungen zu lesen waren. Die beliebtesten und die am lautesten wiederholten: „Russland ohne Putin“, und „gemeinsam sind wir unbesiegbar“.

Wer hat Demonstriert?

Das für mich schöne an der Demonstration war, dass Leute aus allen Gesellschaftsschichten gekommen sind. Anarchisten standen neben Monarchisten, Frauen im Pelzmantel neben Studenten und Pensionisten. Was sie alle vereinte war einfach die Unzufriedenheit mit den Wahlen und der Situation in Russland generell.

Bemerken Sie die Protestbewegung und deren Folgen seit letzter Woche auch im Alltag?

Bei der Demo sah man viele Menschen mit weißen Bändern, vor allem in der Nähe der Demo, aber auch bei Metrostationen. Ansonsten ist Moskau zu groß, um wirklich überall etwas von den Ereignissen mitzubekommen. Es ist aber definitiv mehr Polizei als sonst auf den Straßen, besonders bei strategisch wichtigen Punkten wie bei der Twerskaja (große Straße im Zentrum, anm. d. Red.), oder in der Nähe des roten Platzes.

In Russland gibt es ein „eigenes Facebook“, ein soziales Netzwerk namens „V Kontakte“ („im Kontakt“), wie wichtig ist die Rolle dieses und anderer Social Media Plattformen für die Protestbewegung? Sind hier Parallelen zu Protesten in anderen Ländern zu erkennen?

Die sozialen Netzwerke sind natürlich sehr wichtig, vor allem Facebook und V Kontakte zur Verbreitung der Informationen (über das Event, bzw. vorher über die Wahlfälschungen). Während der Demonstrationen hat es auch mehrere Live-Übertragungen gegeben, und viele der größeren Magazine haben die Ereignisse laufend kommentiert, auf Twitter, aber auch auf eigens dafür eingerichteten Bereichen auf den Homepages, auf snob.ru sieht man das zum Beispiel ganz gut, da können sich verschiedene Leute in den Stream einschalten, das ist einerseits natürlich informativ, andererseits auch sehr praktisch für die Teilnehmer selbst im Falle einer Eskalation oder ähnlichem. VKontakte ist in Russland generell noch populärer als Facebook, das wird aber weniger. Während der Wahlproteste hat sich gezeigt, dass sich VKontakte leichter regulieren/kontrollieren lässt als Facebook. Es waren einfach mehr Informationen auf Facebook zu finden.

In den letzten Tagen wurden immer wieder kritische Websites lahmgelegt. Weiß man, wer dahinter steckt und ist es nicht im Grunde eine recht wirkungslose Maßnahme, da alle Infos sowieso in den sozialen Netzwerken zu finden sind?

Die Leute greifen via Facebook meist auf die Links zu, es wird praktisch nichts auf Facebook selbst publiziert. Daher war das Sperren der Seiten zumindest ärgerlich, es hat aber in den letzten Tagen aufgehört. Es waren Hackerattacken, ich glaube aber nicht dass es dazu ein offizielles Bekenntnis gibt Dass das von Seiten der Machthabenden geschehen ist, ist natürlich reine Spekulation. Während der Demo waren viele Leute mit Smartphones unterwegs, es wurde viel fotografiert, gefilmt, getwittert, obwohl das Netz manchmal zusammengebrochen ist, einfach wegen der Menschenmasse.

Wie schätzen Sie persönlich die Wirkung der Proteste ein? Sind Vergleiche zu den Protesten in anderen Ländern wie „Occupy Wall Street“ oder gar zum arabischen Frühling gerechtfertigt?

Man hört oft das Wort Revolution, wenn von dem Meeting berichtet wird, und vergleicht die Demo beziehungsweise das Geschehen in Russland mit dem arabischen Frühling. Den meisten geht es denke ich aber gar nicht um eine Revolution, oder einen Umsturz des systems. Vielmehr ist diese Demo ein Zeichen dafür, dass das Land endlich aufwacht, dass eine politikverdrossene Gesellschaft beginnt, offen Kritik zu üben am System. Das Meeting ist keine Revolution, sondern zeigt, dass sich endlich eine Opposition entwickelt, dass auch junge Leute beginnen, sich für die Zukunft ihres Landes zu interessieren und nicht mehr alles als gegeben und unveränderlich hinnehmen. Das Meeting ist das Zeichen dafür, dass die Leute aus ihrer inneren Emigration herauskommen. Und in dieser Hinsicht ist es nicht Zeichen einer Revolution, sondern für die Bildung einer intelligenten, starken Opposition und der erste Schritt zu einer tatsächlichen Demokratisierung des Landes.

Angelika Molk, 29, Slawistin, Doktorandin der HU-Berlin/RGGU Moskau. Sie lebt seit 2009 in Moskau.

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  • December 12, 2011
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Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht am 30.11. auf KURIER.at

Wolfgang Schlögl, bekannt mit der Band Sofa Surfers oder mit seinem Solo-Projekt I-Wolf, im Interview über das Musikmachen am Theater.

Wolfgang Schlögl spielt zur Zeit auf vielen Hochzeiten: Im Theater in der Josefstadt sorgt er mit seiner Band Sofa Surfers für die Musik bei Nestroys “Lumpazivagabundus”, ab 4. Dezember ist seine Theatermusik wieder in Matthias Hartmanns Nestroy-gekrönter Inszenierung von “Krieg und Frieden” zu hören. Derzeit probt der musikalische Wunderwuzzi gemeinsam mit Ursula Strauss (“Schnell ermittelt”), Gerald Votava und Christian Dolezal (beide in “Die Schlawiner”) für die Bühnenadaption einer Gedichtesammlung von Christine Nöstlinger, die Anfang 2012 im Rabenhof Theater Premiere feiern wird. Bei dem Stück sitzt I-Wolf mit seinem Equipment in einer Badewanne. KURIER.at besuchte ihn in einer Probenpause und fragte den Musiker, wie es dazu kam und sprach mit ihm über die Rolle der (Pop-)Musik im zeitgenössischen Theater, seine aktuellen Projekte und Abenteuer in Sankt Petersburg.

KURIER: Die Hartmann-Inszenierung von “Krieg und Frieden” dauert ganze fünf Stunden. Kein Wunder, bei der Dramatisierung eines 1.500-Seiten-Romans. Jetzt mal ehrlich, haben Sie das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gelesen?
Wolfgang Schlögl: Wir haben drei Monate lang geprobt und währenddessen hat man es dann gelesen. Ich habe das Buch nie linear von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, aber ich habe mir dann am Schluss auch jene Seiten zu Gemüte geführt, die wir im Stück ausgelassen haben. Es ist in Wahrheit ein toller Workshop gewesen, der auch die Langzeitwirkungen, die die Französische Revolution mit sich gebracht haben, beleuchtet.

Was nehmen Sie von der Arbeit mit Tolstojs Epos mit?
Es erzählt einem die Geschichte einer Zeitenwende. Es geht um eine dekadente, abgehobene und überzogene Gesellschaft, die einen Krieg geführt hat, der Millionen Menschen betroffen hat, bis ihnen dann selbst der Tod bis zum Bauchnabel gestanden ist. Da muss man an die Jetztzeit denken. Das ist nicht nur ein Kostümschinken in “pseudo-cinemascopischer” Form, sondern die Faszination entsteht auch dadurch, dass hier eine Zeitenwende passiert. Das lugt in unserer Zeit auch hervor: Ein Empire geht zugrunde, ein neues kommt. Aber was kommt da und welche Werte wird es da geben? Als Musiker ist es für mich ein Luxus und eine wichtige Sache, sich genau über solche Dinge Gedanken zu machen und daraus Klänge zu schöpfen.

Wie bereitet man sich als Musiker auf so ein Riesenteil vor?
Es gibt zwei Ebenen: die theoretische, wo einem der Regisseur seine Wünsche sagt, zum Beispiel: “Ich hätte gerne, dass du auf der Bühne stehst und auf DJ machst”. Dann sage ich: “Ok, das würde bedeuten, ich arbeite mal an der Musik und dann pressen wir das auf Schallplatten.” Ab dann bin ich einfach der DJ. In Wahrheit sitze ich aber da und arbeite an Klängen, höre mir Musik aus der Zeit an und verwende dann auch Teile dieser Stücke. Dann nehme ich das Textbuch und muss schauen, dass sich das mit den Textlängen ausgeht. Im besten Fall fällt das den Leuten nicht auf und sie denken nur “Ah, das ist Schostakowitsch”. Dass ich da aber gesessen bin und feingetuned habe, bis sich das mit dem Text ausgeht, das weiß natürlich keiner. Wenn sich dann der Text in der letzten Minute ändert, dann sitze ich ziemlich blöd da, das ist alles schon dagewesen. Generell arbeite ich bei “Krieg und Frieden” mit drei Plattentellern, zwei Effekten, das Klavier kommt noch rein, die Stimmen werden teilweise mit Effekten belegt, ich habe eine Pauke, eine Melodika, eine Orgel und das spiele ich alles in fünf Stunden, also quasi ein One-Man-Orchester mit einem wunderbaren Pianisten, dem Karsten Riedel.

KURIER: Sie gaben mit “Krieg und Frieden” auch Gastspiele. Wie ist das Stück im Ausland angekommen und wie waren die Erlebnisse dort?
Ganz interessant war es in Sankt Petersburg – quasi am Originalschauplatz von “Krieg und Frieden” – zu spielen. Das Marinskij Theater kommt auch im Buch vor. Es war natürlich klar, dass wir nur einen bestimmten Teil von der Stadt sehen, die Randbezirke haben wir nie zu Gesicht bekommen. Dass das nichts mit der Lebensrealität der meisten Menschen zu tun hat, ist mir klar. Am ersten Abend waren hauptsächlich Repräsentationsmenschen da, da sind auch nach der zweiten Pause die meisten einfach gegangen. Der zweite Abend war studentisch geprägt und das war super. Was man auch sagen muss: In Russland wird sehr intensiv gefeiert, auch das haben wir nicht ausgelassen, nicht zuletzt um dem Druck ein Ventil zu geben.

Prag war ja auch ein Tourstopp …
Ja, das deutschsprachige Theaterfestival in Prag war auch super, das spielten wir in der Filmstadt, wo auch TV-Schinken wie “Die Borgias” gedreht werden. Plötzlich kriegt man ein Gefühl dafür, warum Österreich bei vielen Projekten das Nachsehen hat. Die haben sich dort eine Infrastruktur hingestellt, bei der wir nicht mithalten können: Legebatterien voll von Postproduction-Studios, bestens ausgerüstet. Die haben uns beinhart abgehängt. Wir hätten die Chance gehabt, wir hätten nur schlau sein müssen. Es würde auch unserer ganzen künstlerischen Szene gut tun.

KURIER: Was ist für Sie das besondere beim Musikmachen für Theaterproduktionen?
In der Arbeit versucht man, jeder Disziplin, die da mit eingebunden ist, ihren Raum zu geben. Die Szenen müssen so ausgeführt werden, dass die Charaktere atmen können. Die Musik ist wichtig, darf aber nicht dominieren. Das sind alles ganz feine Dinge und für mich als Musiker ist ganz generell wichtig, wo das spielt und welche Figuren vorkommen. Was man aber auch sagen muss: Ich habe das Gefühl, dass die Regisseure oft einen sehr konventionellen Musikbegriff haben. Das heißt: Bei einem Pianisten, der sich hinsetzt und Billy Joel spielt und die Schauspieler singen dazu, da komme ich nicht mit. Ich arbeite viel konzeptioneller, ich brauche auch länger, schaue mir den Raum an und so weiter. Einmal habe ich zum Beispiel mit der Klimaanlage gearbeitet. Da habe ich Bändchenmikrofone installiert und den Sound während eines Monologs einfach immer lauter werden lassen. Am Ende des Monologs macht die Schauspielerin die Tür zu – und Zack, war der Sound weg. Die Leute haben plötzlich alle laut durchgeatmet. Das war alles Teil der Arbeit – das ist für mich Musik. Das sind auch Dinge, die die Schauspieler zum Beispiel gar nicht wirklich mitkriegen und auch das Publikum nicht bewusst, aber es wirkt definitiv.

Aktuell proben Sie für “Iba de gaunz oamen Leit” von Christine Nöstlinger, das von Anatole Sternberg und Matthias Jodl umgesetzt wird.
Ja, ich spiele ein bisschen mich selbst vor 10 Jahren, auch eine Existenz im Gemeindebau. Ich bin meistens irgendwann am Nachmittag aufgestanden, ich hab’s nie zum Billa geschafft, bin dann immer zur Tankstelle einkaufen gegangen. Das ging ein paar Jahre lang so und mein Arbeitszyklus hat sich dann so entwickelt, dass ich bis fünf Uhr in der Früh gehackelt hab und mich dann in die Badewanne gehaut hab. Und genau das spiele ich jetzt. Es fängt an um fünf Uhr in der Früh, die Omi sitzt schon am Küchentisch, ich lass grad die Badewanne ein und geh rein.

Gerald Votava (links) und Anatole Sternberg (rechts)

Im Prinzip wird in der Nöstlinger-Adaption das Dasein von vier Charakteren gezeigt, die in prekären Verhältnissen leben, wie schaut hier der musikalische Ansatz aus und inwiefern unterscheidet er sich von der Arbeit an einem Ziegel wie “Krieg und Frieden”?
Wenn ich da in der Badewanne sitze und mit meinen Geräten arbeite, dann ist das das rudimentärste Setup, da gibt es eine Orgel, einen Beat, ein Klopfen und mit diesen wenigen Sachen muss ich die Emotion erzeugen können. Wenn nicht, dann ist das Lied schlecht. Reduktion ist mir ganz wichtig. Ich mache mir für jedes Projekt eine Art Vokabular, in meiner Sologeschichte geht es im Gegensatz dazu um fiebriges Ensemblespiel und Cluster. Das bedeutet eine Überforderung. Hier geht es ums Gegenteil. Ähnlich verfahren wir bei “Krieg und Frieden”, wo zum Beispiel ein einfaches Klopfen auf den Tisch den Marsch der Soldaten darstellt.

Was wollen Sie mit diesen Stilmitteln ausdrücken?
Generell sehe ich meine Arbeit im Zeichen der Liebe oder Empathie in Zeiten der Überforderung. Mich interessiert, inwieweit die Emotionalität noch erhalten bleibt in einer Zeit der großen Datenvolumen, Eindrücke, Web-2.0-Kommunikation. Ich möchte mich dem gar nicht verschließen, ich möchte nur ein Augenmerk auf unsere emotionale Verfasstheit legen. Bei dem Stück, das wir gerade proben, geht es mir um die Frage: Wie geht es den Menschen in bildungsfernen Schichten, auf Abstellgleisen? Wie kann man das darstellen ohne sozialpornographisch und voyeuristisch darauf zu schauen? Ich meine, dafür müssen wir den Menschen genug Empathie geben. Ich will nicht nur über die Prolos lachen.

Welche Einflüsse sind künstlerisch für Sie wichtig?
Cy Twombly hat mich als Künstler generell sehr beeinflusst und deswegen scheue ich mich nicht davor, für andere Leute Klanggekrixel zu machen, wenn es adäquat ist. Das bringt mich auch zu dem Punkt: Was sind meine Tonerzeuger? Wir leben ja in einer Welt, wo ich alles reproduzieren könnte. Das ist ein Glück, aber für viele auch ein Fluch, weil man eben alles machen kann.

Und wie unterscheidet sich die Arbeit an den eigenen Platten von der fürs Theater?
Es ist jedes Mal eine neue Welt, egal für welches Projekt. Ich kann eben einfach nicht mit Presets arbeiten, ich kenne Leute, die haben einmal einen Hit und arbeiten dann immer mit Versatzstücken daraus weiter. Ich mache mir eben für jedes Projekt ein eigenes musikalisches Vokabular, das ich dann verwende. Ich würde mir schlecht und billig vorkommen, wenn ich immer mit dem selben Schmäh daherkommen würde. Ich glaube, mittlerweile engagiert man mich auch, weil ich neben meiner musikalischen Tätigkeit auch eine fundierte theoretische Vorarbeit leiste. Das muss einfach sein. Musik kann so vieles sein, und ich bin so glücklich darüber. Mir wird einfach nicht fad.

Wolfgang Schlögls Musik im Theater:

Krieg und Frieden: Premiere am 4.12.2011 im Burgtheater Kasino, weitere Vorstellungen am 5., 6. und 8.12.
Regie: Matthias Hartmann

Der böse Geist Lumpazivagabundus: Theater in der Josefstadt am 12., 16., 18., 27. und 30.12.2011.
Regie: Georg Schmiedleitner

Iba de gaunz oamen Leit: Premiere 17. 1. 2012 im Rabenhof Theater mit Ursula Strauss (schnell ermittelt), Ingrid Burkhard (Ein echter Wiener geht nicht unter), Gerald Votava (FM4), Christian Dolezal (Donnerstag Nacht/Schlawiner)
Regie: Anatole Sternberg

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  • November 30, 2011

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 27.10.2011.

Bei der Unkonferenz soll das Zusammentreffen von Forschern aus verschiedenen Bereichen einen Wissensaustausch der neuen Art ermöglichen.

Die Wissenschaft ist hierzulande gut versteckt. Im berühmt berüchtigten Elfenbeinturm tut sich zwar einiges: Wissenschaftler setzen sich mit elementaren Problemen auseinander, finden Lösungen, schaffen Durchbrüche. Nur bekommt das kaum jemand mit und es gibt wenig Austausch zwischen den Disziplinen. Das wollen Brigitta Dampier und Michael Horak mit dem ersten Wissenschafts-BarCamp in Wien nun zumindest ein bisschen ändern: Nachdem sie in Cambridge ein ähnliches Event besucht hatten beschlossen sie, das innovative Konzept des Wissenschafts-BarCamps auch nach Wien zu holen. Brigitta Dampier zum Status Quo: “Im Wissenschaftsbereich gibt es derzeit sehr wenig Möglichkeiten, sich mit Vertretern anderer Disziplinen auszutauschen. Auf klassischen Konferenzen trifft man nur auf Kollegen aus der eigenen Fachrichtung. Der Blick über den Tellerrand fehlt oft. Das wollen wir ändern.”

Im Gegensatz zu einer traditionellen Konferenz ist das BarCamp eine offene Veranstaltung, bei der jeder Teilnehmer etwas präsentieren kann und soll. Es sind keine Programmpunkte vorgegeben, die Mitmachenden sagen, wo es lang geht: “Das spannende am SciBarCampVIE ist, dass den Teilnehmer inhaltlich keine Vorgaben gemacht werden, es ist für alle Themenbereiche aus Naturwissenschaft, Medizin und Technik offen. Die Palette der Themen reicht von Fachvorträgen bis zu allgemeinen Themen, die für verschiedene Disziplinen von Interesse sind, wie Ethik, Wissenschaftskommunikation, kommerzielle Verwertung.” erklärt Horak. Diese Art der Organisation soll einen inspirierten Austausch von Informationen zwischen Menschen, die sich sonst wahrscheinlich nicht begegnet wären ermöglichen.
Angemeldet haben sich bereits Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Gebieten, die laut Website dazu angehalten sind, ihre Themen so vorzutragen, dass sie auch von jemandem ohne spezielles Vorwissen verstanden werden. Dampier: “Dabei sein wird zum Beispiel der Sieger der Startupweek, der eine Diabetes-App entwickelt oder auch Nicole Prutsch, eine Künstlerin, die sich mit Naturwissenschaft auseinandersetzt. Aus einer ganz anderen Richtung wiederum kommt Vladimir Mironov, Gastprofessor an der TU, der an der Produktion von Fleisch im Labor arbeitet sowie an Organ Printing, einer Methode zur Herstellung synthetischer Organe.”
Das SciBarCamp findet am 29. und 30. Oktober am Institut für Pharmakologie in Wien statt. Die Teilnahme ist gratis, die Besucherzahl aber limitiert. Anmelden kann man sich auf der Website.

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  • October 27, 2011

Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 18.10.2011

Zukunftsmusik aus Wien: Der Gründer des Unternehmens Twingz sprach mit KURIER über die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine via Social Media sowie die heimische Startup-Szene.

Geht es nach Werner Weihs-Sedivy, dem Gründer von „Twingz – the twitter for things“, werden wir in wenigen Jahren auf Facebook und Co. nicht nur mit unseren Freunden kommunizieren, sondern auch mit dem DVD-Player, der Heizung oder der Solaranlage. Verfügen die elektronischen Geräte über die technischen Voraussetzungen, können einerseits diese untereinander kommunizieren, andererseits können wir ihnen Fragen stellen, Antworten bekommen und die Geräte schließlich auch steuern, etwa ein- und ausschalten. Zur Zeit befindet sich das Projekt noch in einer nicht öffentlichen Testphase, Mitte November ist der nächste Schritt geplant: Eine Beta-Version, die für jedermann zugänglich ist und erste Funktionen veranschaulicht.

Die Anfänge: Russische Weltraumforschung und Unverständnis

Bis zur Testversion war es aber ein langer Weg: Nachdem Weihs-Sedivy während der ersten Semester an der TU Anfang der Neunziger für die russische Weltraumagentur Hard- und Software entwickelte, arbeitete er später bei einem Startup-Unternehmen, wo bereits einige Ideen in Richtung Mehrwertdienste für Mobilfunker geliefert wurden: „Wir waren da viel zu früh dran, wurden überhaupt nicht verstanden und haben dann einfach entschlossen, das selbst anzugehen. Leider war auch damals die Technologie noch nicht soweit. Ein wenig später kam dann die Frage auf: Wie kann ich mir Informationen zu einem bestimmten Gerät holen, ohne eine ewig lange Anleitung lesen zu müssen, sondern auf kurzem und elektronischem Weg.“, so der CEO über die Anfänge von Twingz.

Ziel ist es mit dem Service in ein paar Jahren die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu vereinfachen. Anstatt sich mit mehreren Fernbedienungen für verschiedene Geräte herumzuschlagen soll alles in Zukunft mit dem Smartphone über Facebook, Twitter und co. gesteuert werden können. So könnte zum Beispiel das ganze Energiemanagementsystem eines Haushalts über Twingz laufen: Die Heizung aufdrehen, die aktuelle Energiegewinnung durch Solarenergie überprüfen, checken, ob der Fernseher die Lieblingsserie aufnimmt oder ob das Bügeleisen ausgeschaltet ist, das alles wäre mit einer Textnachricht über das Smartphone möglich: „Die Infrastruktur von Social Media Plattformen eignet sich einfach gut für unsere Zwecke. Wir verwenden Social Media, weil die Leute sowieso dort sind und sie von dort aus per Textmessage einfach auch mit ihren Geräten kommunizieren können, nicht nur mit ihren Freunden.“

Startup-Förderungen in Österreich: altbacken und nicht global denkend

Mit seinem visionären Projekt ist Weihs-Sedivy einer der wenigen Österreicher im Bereich Internet-Startup, die ihren Firmensitz hierzulande haben. Die hiesigen Bedingungen für Jungunternehmer in seiner Branche beurteilt er als verbesserungswürdig: „Ich habe schon mehrfach den Hinweis beziehungsweise die Einladung bekommen, dass wir uns aus Österreich wegbewegen sollen. In Schweden bei der SIME Konferenz hat uns zum Beispiel der Bürgermeister persönlich dazu eingeladen, nach Stockholm zu ziehen. Können Sie sich vorstellen, dass ein Bürgermeister Häupl auf Startup-Konferenzen geht und dort qualifizierte Kräfte ins Land holen will?“

Generell wünsche sich Weihs-Sedivy eine weniger „altbackene“ Förderungsstruktur für Startups, die nicht so standortbezogen denkt. Zur Zeit gibt es bei Förderungen viele Bedingungen, die etwa fordern, dass man FH-Absolventen aus Österreich in das Projekt integriert. Bei global angelegten Projekten wirke das kontraproduktiv: „Unser Team ist ein gutes Beispiel: Es besteht aus sieben Personen, die in den Ländern USA, genauer Kalifornien, Italien, Holland, Serbien und eben Österreich verteilt sind. Nach einer Startphase ist es mir egal, wo die Leute sitzen.“ erläutert der CEO.

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  • October 18, 2011
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Autorin: Lisa Stadler, veröffentlicht auf KURIER.at am 27.9.2011

In einem BBC-Interview meint ein Börsenmakler, dass seinesgleichen von einer Krise nur eines erwarten: Profit. Nun gibt es Zweifel am “Experten”.

Den Moderatoren der BBC stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben: Während einer Live-Sendung beschreibt ein offenbar seriöser Börsenmakler, dass Goldman Sachs die Welt regiert und kaum ein Rettungsplan der Wirtschaft helfen wird. Er und seine Kollegen erwarten von der Krise nur eines: Profit.

Die brisanten Antworten, von deren “Ehrlichkeit” viele überrascht waren, schafften es als Video schnell ins Netz (Link siehe unten). Nun wird allerdings bezweifelt, dass Alessio Rastani echt ist. Im Gegenteil: Der vermeintliche Börsenmakler wird laut Medienberichten mit den Netzaktivisten The Yes Men in Verbindung gebracht.

Diese betreiben sogenannte Kommunikationsguerilla: Sie hinterfragen die Glaubwürdigkeit scheinbar vertrauenswürdiger Quellen, indem sie sich selbst als seriöse Quelle ausgeben und Absurditäten verbreiten: So trat laut Huffington Post einer der Yes Men bei einer Öl-Konferenz als Speaker auf, gab sich als Exxon-Mitarbeiter aus und behauptete, in Zukunft könne man Öl durch einen ähnlichen Stoff ersetzen, der aus menschlichem Fleisch gewonnen wird.
Falls Alessio Rastani ein fiktiver Charakter ist, der für den Hoax auf BBC geschaffen wurde, wurde ihm auf jeden Fall viel virtuelles Leben eingehaucht: Auf Twitter und Facebook ist Rastani seit 2009 aktiv und gibt sich als Börsenmakler aus. Verblüffende Ähnlichkeit hat Rastani aber mit einem “Experten”, der bereits als Yes Man enttarnt wurde und auch auf BBC ein Interview zu einem Chemieunfall gegeben hat.Ob Rastani wirklich ein Börsenmakler ist oder nicht, in den sozialen Netzwerken verbreitet sich das Video, weil viele User den Inhalt des Interviews brisant finden: ” The Yes Man Börsenhändler […] egal ob falsch oder wahr die Aussagen stimmen leider” postet zum Beispiel der österreichische Twitter-User @medienpirat.

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  • September 27, 2011