Journalismus und Social Media

Derzeit wissen wir noch nicht, ob Facebooks Plan, im Newsfeed mehr Posts von Freunden und Familie und weniger von Marken anzuzeigen, sich als Fluch erweisen wird. Segen ist es auf den ersten Blick keiner, weil die meisten Medien ja mit Pages, also Seiten arbeiten.

Dass wir aber je nach Zuruf der Plattform auf Änderungen reagieren müssen, sind wir Social Media Manager schon seit Jahren gewohnt. Mal heißt es, Fotos werden bevorzugt, mal sind es Videos, ein anderes Mal boomen Events. Aus all diesen Hypes und Trends ging bis dato aber immer noch eines hervor: Wenn der Inhalt interessant genug ist, ist das Format des Postings Nebensache. Feinjustierungen und eine gute Strategie sind natürlich dennoch kein Fehler: Die gute Videostrategie der „Zeit im Bild“ auf Facebook oder konstantes Community Management bei DER STANDARD  haben sich als dienlich erwiesen.

Was nun bevorstehen soll, klingt nach einer neuen Dimension: Dieser Einschnitt könnte ein großer sein und für manche, vor allem kleinere Medien, die einen Großteil ihres Traffics über Facebook bekommen, ein Riesenproblem darstellen. Beispiele aus Experimentierländern des neuen Newsfeeds zeigen, dass gar Fake News weitere Verbreitung gefunden haben als jene von traditionellen Medien, da der Algorithmus noch einmal mehr Interaktion begünstigt.

Interaktion wird wohl der wichtigste Faktor sein, das lässt sich auch aus diesem Statement von Facebooks Newsfeed-Chef Adam Mosseri herauslesen, der meint, dass die Veränderung kein Fluch für Medien bedeuten wird. Das kann man unterschiedlich auslegen, da ja emotionalisierende Headlines von Boulevardmedien leichter Engagement triggern als nüchterne Schlagzeilen von Qualitätsmedien.

Für Medien ist es wichtig, sich auf breite Beine zu stellen und in Sachen Social Media nicht zu sehr nur auf Facebook allein zu setzen. Alles andere wird man sehen, es kann sein, dass die Änderung im Newsfeed sich in ein paar Monaten wieder zugunsten von Medien auswirken wird. In der Zwischenzeit hilft es, Arbeit in die Userbindung zu investieren, relevanten Content für die User zu bieten und die Zahlen kritisch zu beobachten.

Link: Radiobeitrag von Deutschlandfunk Nova mit unterschiedlichsten Statements zum Thema, inklusive meinem obigen. 

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  • January 18, 2018

Der Text ist ursprünglich bei derStandard.at erschienen.

Seit die “New York Times” ihre Social-Media-Guidelines präzisiert hat, wird auch in Österreich immer wieder nach strengeren Regeln für Journalistinnen und Journalisten gerufen. Nach einigen Jahren des aktiven Postens ist vielen Unternehmen, nicht nur Medienunternehmen, der Umgang ihrer Mitarbeiter mit ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit aus den Händen geglitten. Oder, besser gesagt: In letzter Zeit realisieren sie diesen Kontrollverlust, den es seit der Existenz von Social Media gibt. Wo vor ein paar Jahren noch alle Journalisten ermutigt wurden, Twitter und Facebook zu nutzen, fürchtet sich jetzt so manche Chefetage davor, dass es zu viel verwendet wird – weil es eben oft zum Nachteil der Unternehmen ist.

Was also tun bei Arbeitnehmern, die während ihrer Arbeitszeit exzessiv twittern, bei Breaking News Situationen zuerst auf Facebook posten anstatt die Redaktion zu informieren oder die ihre private Teilnahme bei Demos posten und somit ihre politische Einstellung öffentlich teilen? Gar nicht zu sprechen von jenen, die rüpelhaft andere beschimpfen oder gar bedrohen.

Es gibt längst klare Regeln

Die erste Reaktion bei vielen Unternehmen ist: “Wir brauchen strenge Regeln und eine Arbeitsgruppe.” Das ist nachvollziehbar, aber aus meiner Sicht vergeudete Zeit. Denn diese Regeln gibt es längst, sie sind generell bekannt unter “journalistischer Ethos”: Kein Medienmensch würde denken, dass oben genannte Faux-Pas zum Beispiel auf Podiumsdiskussionen oder im Kommentar des eigenen Mediums passend wären. Und jeder – zumindest bei Qualitätsmedien – weiß, dass Objektivität in Berichten wichtig ist und Kommentare klar gekennzeichnet sein müssen. Und trotzdem liest man ständig Postings in sozialen Netzwerken, bei denen man eigentlich nur den Kopf schütteln kann.

Die schönste Guideline wird das nicht lösen

Aber auch die am besten formulierten Regeln werden das Problem nicht beseitigen. Gerade beim STANDARD setzen wir immer schon auf Eigenverantwortung und darauf, dass alle Kolleginnen und Kollegen intelligent und vernünftig sind. Alle Journalisten könnten theoretisch jederzeit die komplette Seite 1 umbauen und zum Beispiel ihren eigenen Artikel zum Aufmacher machen. Das tun sie aber nicht, oder eben nur, wenn es sinnvoll ist. Meistens werden soziale Netzwerke ja auch vernünftig bedient.

Dialog über jeden einzelnen Fall

Eine klare Bedienungsanleitung gegen Social-Media-Fails gibt es aber nicht, und das ist genau der Punkt. Die Problemstellungen sind so wie die Pralinenschachtel bei “Forrest Gump”: Man weiß nie, was man kriegt. Und je nachdem gilt es, den Dialog zu suchen. Im Idealfall muss tatsächlich einzeln über problematische Posts gesprochen werden und Bewusstsein darüber geschaffen werden, was okay ist und was nicht. Denn ein in irgendeinem Ordner abgelegtes Guideline-File liest niemand. Und wenn, ist das beim nächsten Twitter-Eklat wieder vergessen. In Extremfällen stößt man auf totale Uneinsichtigkeit und an die Dialoggrenzen. Dann wird es richtig problematisch. Aber das ist eine andere Geschichte.

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  • December 11, 2017
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Ist Facebook mehr Freund oder Feind für die Medien? Was bringt es dem ORF, seine Inhalte dort zu „verschenken“? Streiten sich JournalistInnen darum, wer mehr Likes bekommen kann? Und lässt sich Clickbait vermeiden? Darüber diskutierten Patrick Swanson und ich mit Armin Thurnher und Lina Paulitsch im Medienquartett zu Digitalstrategien, hier zum Nachschauen. Nüchternheitswarnung: Wir waren uns leider viel zu einig, um uns zu beschimpfen.

(c) Okto TV

(c) Okto TV

Gesprächsrunde1

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  • September 13, 2017

Von 2.100 BürgermeisterInnen in Österreich sind nur 158 Frauen. Um das langfristig zu ändern und Frauen die Möglichkeit zu geben, sich besser auszutauschen, treffen sich die Bürgermeisterinnen jährlich, dieses Mal in Mellau in Vorarlberg.

Es war mir eine Ehre, für rund 60 von ihnen einen Workshop zum Thema Social Media und insbesondere die Herausforderung für Bürgermeisterinnen dort zu halten. Leider werden Frauen immer noch heftiger in den Kommentaren attackiert als Männer und Politikerinnen haben sie es auch nicht gerade leichter als andere Berufsgruppen.

Bildschirmfoto 2017-08-08 um 15.20.00Von der Beschwerdestelle über einen krähenden Hahn über die Hundstrümmerl und Grundstückswidmungsstreitereien bis hin zu schrecklichen Vorfällen wie Brandstiftung, Gewalt in Familien etc. – eine Bürgermeisterin muss immer da sein und das nun auch noch teilweise in den sozialen Netzwerken kommunizieren können.

Die Stimmung war trotz der oft schwierigen Arbeitsbedingungen für die Bürgermeisterinnen super und ich habe größten Respekt für das, was sie in ihren Gemeinden oft leisten.

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  • August 8, 2017

Beim Forum Creative Industries in der Tabakfabrik Linz durfte ich einen 4-stündigen Workshop zum Thema Traffic Management halten.

Foto: Karin Hackl

Foto: Karin Hackl

Dabei haben wir gemeinsam folgende Fragen und Themen erörtert: Welche Faktoren gelten als qualitativ hochwertig für nachhaltiges Usermanagement? Wie kann man aktuelle Trends im Traffic Management verfolgen? Was sind die wichtigsten Begriffe und Key Performance Indikatoren im Alltag? Wie können Reportings sicherstellen, dass die richtigen Maßnahmen getroffen werden, um den Traffic zu optimieren? Inwiefern kann mit Bauchgefühl von der zahlenorientierten Arbeit abgewichen werden?

Foto: Christa Gaigg

Foto: Christa Gaigg

Das Event ist generell sehr zu empfehlen, allein die Location sollte jeder mal gesehen haben und die unterschiedlichen Tracks haben so ziemlich für jeden im Kreativbereich was zu bieten. Am Abend gab es noch dazu einen Vortrag von Steve Selzer von Airbnb, bei gratis Eintritt.

Foto: Kronberger

Foto: Kronberger

Hier gibt es einen Rückblick zum Festival.

Die Creative Region Social Wall.

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  • July 7, 2017
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W24 Spezial lud zu 1,5 Stunden Diskussion über Fake News, Algorithmen und einiges mehr, was derzeit den Journalismus beschäftigt. Katharina Schell, Mitglied der APA-Chefredaktion, wies darauf hin, dass man die verschiedenen Aspekte von „Fake News“ beachten soll und der Begriff eigentlich schon viel zu inflationär verwendet wird, womit sie vollkommen recht hat. Unterschieden werden muss zwischen gezielter Beeinflussung/Propaganda, die es in die Medien schafft, Fehlern seitens der Medien, Zeitungsenten, Reinfallen auf falschen User Generated Content und auch komplett erfundenen Storys mit dem Ziel der Monetarisierung.

19400211_10213767477327449_1604268708316789248_oMythos „Gratis-Falle“

Wie jede Diskussion über Medien gelangten auch wir zu dem Argument, dass die Medien den großen Fehler gemacht hätten, online ihre Inhalte gratis anzubieten. Dem widersprach Gregor Kucera von der Wiener Zeitung sehr eloquent, indem er darauf hinwies, dass auch in Print ein sehr großer Teil der Einnahmen durch Werbung generiert wird und der Kaufpreis nur einen Teil des Vertriebs finanziert. Es ist auch ein Mythos, dass der Vertrieb der Inhalte online nichts kostet.

Algorithmen per se sind nicht böse

Besorgt zeigte sich Fritz Hausjell, Medienhistoriker & Journalismusexperte der Uni Wien über Algorithmen, die zunehmends Einfluss auf unseren Medienkonsum nehmen. Das ist auch durchaus gerechtfertigt, vor allem, weil wir KonsumentInnen meist keinen Einblick haben, wie diese Algorithmen genau funktionieren. Deshalb heißt das aber nicht, dass sie per se schlecht sind. Wenn Medienunternehmen verantwortungsvoll mit der Gestaltung dieser Algorithmen umgehen, können diese einen großen Vorteil für die User bedeuten.

So kann eine individuell aufbereitete Startseite die Freude am Medium enorm erhöhen – solange relevante internationale Nachrichten zum Beispiel trotzdem im Aufmacherbereich sind und die Überraschung durch das Medium nicht verloren geht. Die ganze Diskussion gibt es hier zum Nachschauen, sie dauert für TV-Verhältnisse ewige 1:25 Stunden, es war trotzdem extrem schnell vorbei und man könnte natürlich wochenlang über all diese Themen sprechen und ins Detail gehen.

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  • June 22, 2017

Für den Kulturmontag durfte ich ein paar Sätze zu “Zehn Jahre Smartphone” sagen, welch Ehre! Ich kann mich noch genau erinnern, als ich mein erstes iPhone bekommen habe, damals schon als Diensthandy: Mir fehlte jegliche Vorstellung, was “Apps” bitte sein sollten und was das Ding kann. Nach nur wenigen Stunden war mir bewusst, dass dieses Gadget sehr viel ändern wird.

 

Am meisten beeinflusst werden durch Smartphones unser Zeitmanagement sowie unsere Art der Kommunikation. Ich denke nicht, dass wir durch Smartphones weniger miteinander reden. Vor allem im öffentlichen Raum bevorzugen die meisten Distanz zu Fremden. Sehrwohl haben wir die Zeit, bevor ein Gadget à la MacLuhan zu unserem verlängerten Arm wurde, anders genutzt.

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Zu kritisieren am Smartphone ist vor allem das ermöglichen des beinahe unkontrollierten Datensammelns über unser Verhalten. Für die meisten NutzerInnen überwiegen zwar die Vorteile, die das Gerät mit sich bringt, den Nachteil der ungewollten Transparenz, mehr Selbstbestimmung über das Verwenden der Daten durch Drittanbieter sollte aber auf jeden Fall ein stärkeres Anliegen in der Zukunft sein.

Für Medien tut sich durch die mobile Nutzung freilich ein riesiges Schaufenster auf, in dem sie ihre Inhalte präsentieren können, das begleitet meinen Arbeitsalltag seit Jahren.

Bewusste Nutzung, das Ding auch mal weglegen und effizientes Kommunizieren sind also eine gute Kombination, wenn es um Smartphones geht. Das gilt für die Theorie ;-), dass wir alle in der Praxis auch mal in ausufernden WhatsApp-Gruppen landen, ist eine andere Geschichte …

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  • April 11, 2017

In Somalia starben Dutzende an Cholera und es droht eine Hungersnot, der Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich spitzt sich zu, das Verhältnis zwischen der Türkei und Europa wird auf die Prüfung gestellt und – ach ja, da wäre noch diese Sache mit Trump. In der idealen Welt des Qualitätsjournalismus erhalten diese Inhalte die meiste Aufmerksamkeit der UserInnen.

Die meistgelesene Geschichte auf derStandard.at war gestern aber jene über ein „altes Pizzafoto von Norbert Hofer“. Das löst eine Vielfalt an Reaktionen bei Medienmachern aus: Was ist nur aus dem Journalismus geworden? Zerstört Social Media jegliche Möglichkeit zu ernsthaftem Diskurs? Sind unsere LeserInnen womöglich doch nicht die hyperreflektierten Intellektuellen, wie wir sie uns so gerne vorstellen? Warum investieren Journalisten Zeit für so eine Meldung?

Alles berechtigte Fragen, wie Debatten um Fake News, Filter Bubbles oder die Gatekeeper-Funktion der Medien beweisen. Gleichzeitig ist große Besorgtheit bei Ausreißern wie dem #Pizzagate meiner Meinung nach nicht nötig, und zwar aus mehreren Gründen.

Daten sind nicht der Feind

Das Leseverhalten der User können wir zwar schon einige Jahre lang analysieren, diese Zahlen werden aber immer noch gerne ignoriert oder nur dann genauer betrachtet, wenn unliebsame Ausreißer wie Norbert Hofers Pizza eintreten – und zwar um zu beweisen, dass der Online-Kulturpessimismus berechtigt ist. Ein Vergleich: Bei Printprodukten kann außer durch aufwändige Leseflussanalysen mit wenigen Probanden nicht festgestellt werden, welche Geschichten am meisten gelesen werden.

Die Ernüchterung, die eintritt, wenn womöglich die kleinen Kästchen mit banalen Kurzmeldungen wie „Katze nach fünf Tagen von Dach gerettet“ häufig konsumiert werden, ist nachvollziehbar. Sie sagt aber mehr über die Erwartungshaltung an die LeserInnen aus als über den Sittenverfall der LeserInnen selbst. Ein wenig Eigenbeobachtung kann zur Relativierung manchmal nicht schaden: Welche Artikel habe ich heute Morgen wirklich gelesen? Und über welche spreche ich mit meinen Freunden? Wenn gerade keine Breaking News passieren, sind es hin und wieder auch die etwas weniger komplexen, um es höflich auszudrücken.

Die Liebe zum Banalen wird den Journalismus nicht umbringen

Denn diese Zahlen zeigen lediglich, worüber „man spricht“. Das sind Inhalte, zu denen man ohne lange Recherche eine Meinung haben kann, die oft auch amüsant sind, aufregen oder einen persönlich betreffen. Solche Inhalte fanden immer schon in größerem oder kleinerem Ausmaß in die Medien, heute können wir das lediglich besser analysieren und visualisieren.

Oft werde ich von StudentInnen für Interviews für Bachelorarbeiten gefragt, ob Berichte über solche „Gesprächsthemen“ und deren Verbreitung über Social Media den Qualiätsjournalismus gefährden. Meiner Meinung nach tun sie das nur, wenn deshalb weniger über ernste und komplexe Geschehnisse auf der Welt berichtet wird. Und genau da sind Qualitätsmedien in der Verantwortung, das nicht geschehen zu lassen.

Dürfen Qualitätsmedien „Gossip“ bringen?

Dass es zusätzlich zur ernsten Berichterstattung kurze Meldungen gibt, die viele User teilen, kann derzeit sogar eine wichtige Säule des Geschäftsmodells von kostenlosen Online-Medien sein (wobei das wieder eine andere Diskussion ist). Dabei kommt es hauptsächlich darauf an, zu entscheiden, was meldenswert ist und wie die Geschichte erzählt wird. Im Falle Hofers könnte man argumentieren, dass das Pizzafoto so banal gar nicht ist, weil ein Politiker einer offensichtlichen Lüge überführt wurde. Es findet derzeit ein Shift von der Aufgabe der „Chronistenpflicht“ im Journalismus hin zur „Diskursabbildung“.

Bildschirmfoto 2017-03-07 um 12.10.41Es gibt Hoffnung: Die Leserschaft ist bunt

Vergessen sollten wir aber auch nicht, dass an vielen Tagen gerade nicht die Pizza von Norbert Hofer „herumgereicht“ wird, sondern eben ein ernster Aufmacher, etwa aus dem Ressort International oder Inland. Viel Verweildauer können lange Reportagen, Hintergrundberichte, Analysen, Kommentare mit vielen Postings im Forum aufweisen. Eigentlich schön, denn das ist die Leserschaft, die man sich so gerne vorstellt. Dass die gleiche auch gerne unterhalten wird oder sich auch mal über ein Facebook-Foto empört, macht sie nur vielfältiger. Aber darüber kann man sich schlecht aufregen.

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  • March 7, 2017